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«Ich bin selbst ein Beispiel für gelungene Integration»

«Ich bin selbst ein Beispiel für gelungene Integration»

Interview mit Dr. med. Fulvia Rota, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psycho­therapie und lang­jähriges Jury­mitglied. Sie hielt die Laudatio an der Final­feier 2026.

16. April 2026

Das Bild zeigt Fulvia Rota im Interview.
Im Interview: Dr. med. Fulvia Rota, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

«Beziehungen» - unter diesem Motto stand die 20. Verleihung des This-Priis der SVA Zürich. Der Arbeitgeber-Award für nachhaltige Integration von Menschen mit Einschränkungen in den ersten Arbeitsmarkt ging an die Winterthurer Maag Recycling AG; die Laudatio am gestrigen Mittwoch im Zürcher Volkshaus hielt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Fulvia Rota. Im Interview erklärt die Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psycho­therapie, SGPP, aus ihrer fachlichen, aber auch aus ihrer ganz persönlichen Sicht, warum es bei der beruflichen Integration so sehr auf die Beziehungs­ebene ankommt. 

Frau Rota, als Präsidentin der SGPP pflegen Sie vor Fachpublikum über psychische Erkrankungen wie Depression oder Burnout zu sprechen. Was hat Sie bewogen, beim Arbeitgeber-Award der SVA Zürich eine Laudatio auf den Integrations­preis und auf den Sieger des Jury­preises, die Winterthurer Maag Recycling AG, zu halten?
Fulvia Rota: Gerade als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie erschien mir das Motto der Veranstaltung wichtig und treffend: Die gesellschaftlichen Anforderungen, vor allem an  junge Menschen, sind stark gestiegen. Immer mehr beanspruchen Unterstützung wegen psychischer Probleme. Vor allem der Druck durch Social Media ist enorm. In Fach­kreisen wird zwar kontrovers diskutiert, ob die Zahl schwerer psychischer Erkrankungen tatsächlich zugenommen hat oder ob vor allem unsere Aufmerksam­keit dafür gewachsen ist. Klar ist jedoch: Die Sensibilität für psychische Probleme ist heute höher, und es wird zum Glück früher reagiert. Denn gerade junge Menschen laufen heute Gefahr, schneller durchs Raster zu fallen, wenn sie mit dem Druck nicht zurechtkommen. Wenn die SVA Zürich beim This-Priis 2026 die Beziehungen im Arbeits­verhältnis betont, lenkt sie die öffentliche Aufmerksamkeit also auf ein besonders relevantes Thema.

Was verbinden Sie mit dem Motto «Beziehungen»?
Das Motto trifft einfach den Kern. Bei der Integration kommt es vor allem auf die Beziehungs­ebene an. Und ganz besonders auf Vertrauen. Berufliche Integration setzt natürlich Wissen über Symptomatiken voraus, genauso wie politischen Willen und passende Rahmenbedingungen. Gelingen kann sie aber nur durch den persönlichen Einsatz von Menschen für Menschen, die einander kennen und schätzen. Es braucht echtes persönliches Interesse sowie konkrete professionelle Unterstützung für alle Beteiligten –  sowohl auf Arbeitgeber- wie auf Arbeitnehmer­seite. Nur beides zusammen macht Erfolge möglich, wie sie mit fachlicher Unterstützung durch die IV-Stelle der SVA Zürich vermehrt gelingen. Aber auch als Mensch Fulvia Rota, der in diese berufliche Rolle hineingewachsen ist, empfinde ich das Motto als sehr treffend. Ich bin selbst ein gutes Beispiel für gelungene Integration.

Inwiefern?
Meine Eltern waren italienische Nachkriegs­migranten aus Bergamo, einfache Arbeiter, die sich anzupassen hatten. Noch heute habe ich Sprüche im Ohr wie: «Was, es Tschinggemaitli und Arbeiterchind isch Klassenbesti?» – «Was, du willsch id Kanti», und erst noch in die naturwissenschaftlich-mathematische Richtung? – «Was, du willsch Medizin studiere?» Ober­flächlich betrachtet harmlose Fragen. Aber im Kern diskriminierend. So nach dem Motto: Fremd­arbeiter sind doch dumm. Heute sagt man zu Menschen wie uns «Secondas». Auch meine Mutter musste arbeiten gehen, teilweise abends und am Wochenende – sonst hätte sie kein Aufenthalts­recht gehabt und wäre mit mir ausgewiesen worden. Ich war ein sogenanntes Schlüssel­kind und – ohne Geschwister – schon mit sieben Jahren tagsüber ganz allein zu Hause. Auch sprachlich konnte mich zuhause niemand unterstützen.

Und da haben Beziehungen geholfen?
Genau, insbesondere die zu zwei Lehr­kräften. Heute frage ich mich: Wäre ich ohne «mein Fräulein» Suter, die 1.- und 2.-Klass-Lehrerin, und ohne «meinen Herrn» Hauser, den 3. bis 5.-Klass-Lehrer. auch so weit gekommen? Sie haben mich unter ihre Fittiche genommen. Statt allein zu Hause zu sitzen oder auf der Strasse zu sein, durfte ich auch ausser­halb meines eigenen Unterrichts bei ihnen im Schulzimmer sein, und so konnte ich ständig lesen und lernen. Noch 25 Jahre später hat mir Frau Suter einen Brief geschrieben, als mein Vater starb. Integration ist für mich also kein Fremd­wort und seit jeher eine Herzens­angelegenheit. So wie ich damals von den Primarlehrpersonen gefördert wurde, weil sie mein Potenzial erkann haben, mir vertraut und mich nicht allein gelassen haben, so profitieren heute meine Patienten von jenen Arbeit­geberinnen, die den Mut haben, Menschen einzustellen, die nicht einfach stromlinienförmig angepasst sind.

Integration ist für mich eine Herzens­angelegenheit.

Durch den This-Priis versucht die SVA Zürich nun schon seit 20 Jahren, Arbeitgebern Mut zu machen, Menschen mit Einschränkungen fest anzustellen. Was schätzen Sie denn am diesjährigen Gewinner des Awards besonders?
Zunächst: Bei allen fünf Finalisten hat mich beeindruckt, wie sie mit ihren Mitarbeitenden umgehen und Beziehungen aktiv fördern. Sie leben Erfolgs­geschichten der beruflichen Integration und Prävention, die allesamt Vorbildcharakter haben und Mut machen – unabhängig von Grösse oder Branche des Unternehmens – Menschen einzustellen, die es aufgrund psychischer Heraus­forderungen nicht leicht haben, im ersten Arbeits­markt Fuss zu fassen. Am Recyclinghof der Firma Maag erkennen sie den Wert in Dingen ebenso wie in Menschen – und holen das Beste aus ihnen heraus. Die Inhaberin und Geschäfts­führerin Judith Maag hat etwas gesagt, was mir besonders geblieben ist: «Wir sehen hinter jedem Altgerät eine Ressource – und hinter jedem Menschen ein Potenzial.».

Das sagt sich leicht.
Das Unternehmen hat eine eigene Abteilung aufgebaut, den Zerlege­betrieb, der besonders der beruflichen Eingliederung dient. Da ist zum Beispiel dieser Mitarbeiter, der nach einem Burnout und einer depressiven Phase über die Eingliederungs­beratung der SVA Zürich zur Maag Recycling AG kam und in diese Abteilung gefunden hat – und damit den Weg zurück in den ersten Arbeits­markt. Bei diesem Arbeitsversuch wurde darauf geachtet, dass sich der Mitarbeiter trotz befristeter Versuchs­zeit nicht übernimmt. Und dank dieses achtsamen Umgangs konnte er binnen eines Jahres seine Arbeits­belastung von 50 Prozent auf eine regulär entlohnte Vollzeit­beschäftigung steigern. Und das Besondere: Er hat sich für die Stapler-Prüfung qualifiziert. Seine Team­leiterin meinte stolz: «Das hat ihm einen richtigen Schub gegeben». Der Mitarbeiter wiederum hat erlebt, dass man ihn bei Maag nicht überfordert, sondern fordert und fördert. Er sagt: «Bei der Maag AG schaut man aufeinander.» 

Judith Maag, die Geschäftsführerin und Inhaberin des Betriebs in vierter Generation, meint, das sei doch selbst­verständlich.
Doch das ist alles andere als selbstverständlich. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Und vieles von dem, was weggeworfen wird, so hat es uns Judith Maag, studierte Umwelt­natur­wissenschaftlerin, erklärt, ist immer schlechter wiederzu­verwerten oder von vornherein so minder­wertig, dass sich der Aufwand kaum lohnt. Umso bemerkenswerter, dass sie mit und in ihrem Familien­unternehmen bewusst gegen den Trend steuert: nicht einfach «nur noch nach links oder rechts zu swipen», sondern zu schauen, wie man Menschen zusammen­bringen kann. Sie erkennt in dem, was andere achtlos beiseite­schieben, den Wert.

Mehr zur Person

Dr. med. Fulvia Rota, 69, ist Fachärztin für Psychiatrie & Psychotherapie und Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, SGPP, sowie Co-Präsidentin des Dachverbands Foederatio Medicorum Psychiatricorum et Psychotherapeuticorum (FMPP), der Dachorganisation der psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Ärztinnen und Ärzte der Schweiz.

Rota ist Mitautorin der Studie «Gesundheit am Arbeitsplatz, Krankschreibung, Kontakt zum Arbeitgeber – Befragung von Psychiaterinnen und Psychiatern in der Schweiz» sowie der «Qualitätsleitlinien für versicherungs­psychiatrische Gutachten». Beiträge in Fach­zeit­schriften fokussieren auf die Behandlung des Burnout-Phänomens bei Berufstätigen und versicherungs­psychiatrische Fragen. Zudem hat sie mit beim Informations­portal compasso, das Arbeitgeber bei der beruflichen Integration von Mitarbeitenden unterstützt, mitgewirkt. Fulvia Rota hält Vorträge und leitet Workshops für Psychiater und Vertrauens­ärzte, unter anderem zu Versicherungs­fragen. 

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