«Beziehungen» - unter diesem Motto stand die 20. Verleihung des This-Priis der SVA Zürich. Der Arbeitgeber-Award für nachhaltige Integration von Menschen mit Einschränkungen in den ersten Arbeitsmarkt ging an die Winterthurer Maag Recycling AG; die Laudatio am gestrigen Mittwoch im Zürcher Volkshaus hielt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Fulvia Rota. Im Interview erklärt die Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, SGPP, aus ihrer fachlichen, aber auch aus ihrer ganz persönlichen Sicht, warum es bei der beruflichen Integration so sehr auf die Beziehungsebene ankommt.
Frau Rota, als Präsidentin der SGPP pflegen Sie vor Fachpublikum über psychische Erkrankungen wie Depression oder Burnout zu sprechen. Was hat Sie bewogen, beim Arbeitgeber-Award der SVA Zürich eine Laudatio auf den Integrationspreis und auf den Sieger des Jurypreises, die Winterthurer Maag Recycling AG, zu halten?
Fulvia Rota: Gerade als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie erschien mir das Motto der Veranstaltung wichtig und treffend: Die gesellschaftlichen Anforderungen, vor allem an junge Menschen, sind stark gestiegen. Immer mehr beanspruchen Unterstützung wegen psychischer Probleme. Vor allem der Druck durch Social Media ist enorm. In Fachkreisen wird zwar kontrovers diskutiert, ob die Zahl schwerer psychischer Erkrankungen tatsächlich zugenommen hat oder ob vor allem unsere Aufmerksamkeit dafür gewachsen ist. Klar ist jedoch: Die Sensibilität für psychische Probleme ist heute höher, und es wird zum Glück früher reagiert. Denn gerade junge Menschen laufen heute Gefahr, schneller durchs Raster zu fallen, wenn sie mit dem Druck nicht zurechtkommen. Wenn die SVA Zürich beim This-Priis 2026 die Beziehungen im Arbeitsverhältnis betont, lenkt sie die öffentliche Aufmerksamkeit also auf ein besonders relevantes Thema.
Was verbinden Sie mit dem Motto «Beziehungen»?
Das Motto trifft einfach den Kern. Bei der Integration kommt es vor allem auf die Beziehungsebene an. Und ganz besonders auf Vertrauen. Berufliche Integration setzt natürlich Wissen über Symptomatiken voraus, genauso wie politischen Willen und passende Rahmenbedingungen. Gelingen kann sie aber nur durch den persönlichen Einsatz von Menschen für Menschen, die einander kennen und schätzen. Es braucht echtes persönliches Interesse sowie konkrete professionelle Unterstützung für alle Beteiligten – sowohl auf Arbeitgeber- wie auf Arbeitnehmerseite. Nur beides zusammen macht Erfolge möglich, wie sie mit fachlicher Unterstützung durch die IV-Stelle der SVA Zürich vermehrt gelingen. Aber auch als Mensch Fulvia Rota, der in diese berufliche Rolle hineingewachsen ist, empfinde ich das Motto als sehr treffend. Ich bin selbst ein gutes Beispiel für gelungene Integration.
Inwiefern?
Meine Eltern waren italienische Nachkriegsmigranten aus Bergamo, einfache Arbeiter, die sich anzupassen hatten. Noch heute habe ich Sprüche im Ohr wie: «Was, es Tschinggemaitli und Arbeiterchind isch Klassenbesti?» – «Was, du willsch id Kanti», und erst noch in die naturwissenschaftlich-mathematische Richtung? – «Was, du willsch Medizin studiere?» Oberflächlich betrachtet harmlose Fragen. Aber im Kern diskriminierend. So nach dem Motto: Fremdarbeiter sind doch dumm. Heute sagt man zu Menschen wie uns «Secondas». Auch meine Mutter musste arbeiten gehen, teilweise abends und am Wochenende – sonst hätte sie kein Aufenthaltsrecht gehabt und wäre mit mir ausgewiesen worden. Ich war ein sogenanntes Schlüsselkind und – ohne Geschwister – schon mit sieben Jahren tagsüber ganz allein zu Hause. Auch sprachlich konnte mich zuhause niemand unterstützen.
Und da haben Beziehungen geholfen?
Genau, insbesondere die zu zwei Lehrkräften. Heute frage ich mich: Wäre ich ohne «mein Fräulein» Suter, die 1.- und 2.-Klass-Lehrerin, und ohne «meinen Herrn» Hauser, den 3. bis 5.-Klass-Lehrer. auch so weit gekommen? Sie haben mich unter ihre Fittiche genommen. Statt allein zu Hause zu sitzen oder auf der Strasse zu sein, durfte ich auch ausserhalb meines eigenen Unterrichts bei ihnen im Schulzimmer sein, und so konnte ich ständig lesen und lernen. Noch 25 Jahre später hat mir Frau Suter einen Brief geschrieben, als mein Vater starb. Integration ist für mich also kein Fremdwort und seit jeher eine Herzensangelegenheit. So wie ich damals von den Primarlehrpersonen gefördert wurde, weil sie mein Potenzial erkann haben, mir vertraut und mich nicht allein gelassen haben, so profitieren heute meine Patienten von jenen Arbeitgeberinnen, die den Mut haben, Menschen einzustellen, die nicht einfach stromlinienförmig angepasst sind.