Tertianum Etzelgut

This-Priis: Der Arbeitgeber-Award: Tertianum Etzelgut

This-Priis: Der Arbeitgeber-Award

Der This-Priis ist der Zürcher Arbeitgeber-Award. Er geht an Unternehmen, die sich für die Integration von Menschen mit gesundheitlichem Handicap engagieren.

Integration als Berufung

Tertianum Etzelgut (Finalistin 2022)

Die Gesch­ichte erfüllt Brigitte Selm noch heute, zwanzig Jahre später, mit Stolz. Ein Jugend­licher hatte Schwierig­keiten in der Schule. Niemand wusste mehr, was machen. Sie war damals in einem Pflege­zentrum in Rappers­wil tätig und holte ihn für ein Prakti­kum in ihre Ein­richtung, wie die heutige Geschäfts­führerin des Terti­anum Etzel­gut erzählt. Für den jungen Mann war diese Möglich­keit ein Start­schuss in ein neues, erfülltes Leben: Er absolvierte eine KV-Lehre und ist heute ein erfolgreicher Sport­journ­alist.

Als Geschäftsführerin leitet Brigitte Selm das Tertianum Etzelgut seit der Eröffnung des Hauses im Jahr 2017.
Als Geschäftsführerin leitet Brigitte Selm das Tertianum Etzelgut seit der Eröffnung des Hauses im Jahr 2017.

Unter­stützung im Team

Auch für Brigitte Selm war dieser Fall der Aufbruch in eine neue Welt. Sie sei dadurch in ihr Ein­gliederungs-Enga­gement «reingerutscht». Danach hat ein Fall den anderen ergeben. Schwierige Jugendliche, Straf­fällige, Drogen­abhängige. Aber auch Migranten, denn auch fehlende Sprach­kenntnisse seien ein Handi­cap, sagt sie, «ich mache da keinen Unter­schied». Dutzenden Menschen hat die gelernte Pflege­fach­frau auf den Weg geholfen. Zur­zeit beschäftigt sie im Tertianum Etzelgut vier Personen mit psychischer oder physischer Ein­schränkung, drei fest­angestellt, eine in einem Arbeits­versuch. Die Anfragen kommen von Stift­ungen, sozialen Insti­tutionen oder der SVA Zürich.

Alle kann sie nicht an­nehmen. Denn, sagt sie, ein solches Enga­gement sei Team­arbeit. «Es braucht Mit­arbeit­ende, die es mittragen. Man muss darauf achten, dass man das Team nicht über­lastet. Ich spüre, ob eine Abteilung noch Kapaz­ität hat für jemanden mit einem Handi­cap.» Selm küm­mert sich gut um ihre Angestellten. Verwöhnt sie gerne mal mit Essen, Vitaminen und frischen Frucht­säften, oder – wenn es die Pandemie­situation zulässt – mit Apéros und Aus­flügen. Die Tür ihres Büros gleich neben dem Empfang steht immer offen, für Angestellte wie Bewohner­innen und Bewohner.

Die Mitarbeitenden des Tertianum Etzelguts betreuen die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrem Alltag.
Die Mitarbeitenden des Tertianum Etzelguts betreuen die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrem Alltag.

Grenzen austesten

Am einfach­sten kann das Alters­zentrum auf der Pflege­abteilung eingliedern. Dort sind die Möglich­keiten flex­ibel bezüglich Arbeits­zeiten oder -einsätzen. Eine Frau mit massiven Knie­problemen, die lange Zeit eine IV-Rente bezog, ver­teilt ihr 60-Prozent-Pensum im Etzelgut so, dass sie jeden Tag, dafür nur einige Stunden arbeitet. Zudem macht sie lange Mittags­pausen, in denen sie nach Hause fährt und sich ausruht. «Das funkt­ioniert sehr gut», sagt die Chefin. Die Frau arbeitet nun schon bald zwei Jahre bei ihr. Damit eine Ein­glieder­ung gelingt, braucht es laut Selm vor allem eins: den Willen der betrof­fenen Person. «Jemand muss Lust haben, wieder arbeiten zu gehen, sich an Regeln zu halten, sich in ein Team ein­zufügen - und seine Grenzen auszu­testen.» Während den Arbeits­versuchen sehen beide Seiten, auf was sie sich ein­lassen, und ob es im Alltag funkt­ioniert.

Es macht glück­lich, jeman­dem dabei zu helfen, wieder einen Selbst­wert zu haben.

Ein Mann mit einem Hüft­leiden, den die SVA Zürich dem Etzelgut vermittelt hat, war anfangs skeptisch, ob er länger als drei, vier Stunden würde arbeiten können. «Nach drei Wochen», erzählt Selm, «hat er den Laden alleine geschmissen. Er hat dadurch die Bestät­igung erhalten, dass es geht.» Mit diesem Selbst­vertrauen ging der Mann zurück in den Arbeits­markt. Längst nicht alle, die im Etzelgut einen Arbeits­versuch machen, können dort auch bleiben. Meist fehlt es an offenen Stellen. Durch ihr breites Netz­werk findet Brigitte Selm jedoch für fast alle einen Platz in anderen Häusern. Es gibt aller­dings auch jene Fälle, die nicht in einer erfolg­reichen Ein­gliederung enden. Da ist zum Beispiel ein junger Mann, ein Autist, der ein halbes Jahr lang am Empfang des Etzelguts gearbeitet hat. Er hat sich ent­schieden, wieder in eine geschützte Werk­stätte zu gehen. «Es war ihm zu viel», erklärt Brigitte Selm. «Mit dem Druck können nicht alle um­gehen», fügt sie hinzu. Solche Rück­schläge müsse man einfach ab­haken, und weiter­machen.

Offene Fehlerkultur und Diversität

Seit zehn Jahren ist Brigitte Selm bei der Tertianum-Gruppe tätig. Das Haus Etzelgut eröffnete 2017. Der Neu­bau wirkt ein­ladend. Auf jeder Etage schwingt sich ein breiter Balkon rund ums Gebäude. Dort spazieren die Bewohner ihre Runden und geniessen dabei den Aus­blick auf den Zürich­see. So auf­geschlossen sich die Architek­tur von aussen präsentiert, ist auch der Geist im Haus. Brigitte Selm pflegt eine offene Fehler­kultur. «Gefähr­lich sind jene Fehler, die man vertuscht, gerade in der Pflege», sagt sie. Offenheit ist der Geschäfts­führerin auch in Bezug auf die Divers­ität im Unter­nehmen wichtig. Sie definiert sich und das Haus stark als wert­frei und betont: «Menschen jeglichen Alters, jeglicher Haut­farbe, jeglicher Religion und jeglicher Sex­ualität sollen bei uns arbeiten. Stigma­frei.»

Die Pflegeabteilung des Alterszentrums bietet Raum für flexible Arbeitszeitmodelle.
Die Pflegeabteilung des Alterszentrums bietet Raum für flexible Arbeitszeitmodelle.

Selbst­wert steigern

Genauso wichtig wie einzu­gliedern, findet Brigitte Selm es, voraus­zuschauen. Sie versucht, präventiv zu verhindern, dass jemand überhaupt erst arbeits­unfähig wird. Ältere Pflege­mitarbeitende schult sie früh­zeitig um, sodass sie keine körper­lich anstrengenden Arbeiten mehr ausführen, sondern sich zum Beispiel vermehrt um die Lernenden und deren Aus­bildung küm­mern. So kann eine etwaige IV-Rente umgangen werden. «Das ist sowohl für die betroffene Person als auch für uns als Gesellschaft wichtig», sagt sie. Ihr Enga­gement sieht Selm als sozialen Auftrag, den alle haben. «Man gewinnt viel als Arbeit­geberin», betont sie. «Es macht mich glück­lich, dass ich Personen dabei helfen kann, wieder einen Selbst­wert zu haben.»

Brigitte Selm träumt davon, ihre Kompetenzen in einem neuen Umfeld einzu­setzen. Ihre Vision: Ein Senioren­zentrum in den USA. Doch dieser Traum muss warten, denn Selms Eingliederungs-Enga­gement in Zürich scheint noch lange nicht abge­schlossen. «Durch die Nominierung für den This-Priis», sagt sie, «habe ich gemerkt, dass Integration eigentlich seit jeher mein Stecken­pferd ist.»

Integration konkret beim Tertianum Etzelgut:

Das Tertianum Etzelgut beschäftigt 52 Mit­arbeit­ende. Zur­zeit sind drei Personen mit einem Handi­cap ange­stellt, eine Person befindet sich in einem Arbeits­versuch. Die Geschäfts­führerin Brigitte Selm integriert auch Migranten und Flücht­linge, indem sie Praktika anbietet. Zudem versucht sie, ältere Mit­arbeit­ende präventiv früh­zeitig umzu­bilden, damit erst gar keine Ein­schränk­ungen ent­stehen können.

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